Alter spielt keine Rolle
Der Bundesfreiwilligendienst als neue Perspektive.
Sylvia Hohmann hat in ihrem Leben viel erlebt. Nach der Schule schließt sie eine Ausbildung ab, zieht Kinder groß und wird nach jahrelanger Tätigkeit in der Industrie arbeitslos. Ein Zustand, den die rüstige Frau nicht lange aushält. Anstatt auf eine Jobvermittlung durch das Arbeitsamt zu warten, nimmt sie die Suche nach Arbeit selbst in die Hand.
"Zeit, das Richtige zu tun" ist der Slogan, mit dem das Bundesministerium für Familie für den Bundesfreiwilligendienst (BFD), wirbt. Diese Zeit kommt für Sylvia Hohmann im Herbst 2011. Im Fernsehen sieht sie einen Bericht über einen freiwilligen Dienst, den Bürger jeden Alters ableisten können. Hohmann zögert nicht lange und beginnt zu recherchieren.
Bereits im Sommer 2010, als eine Umstrukturierung der Bundeswehr immer wahrscheinlicher wird, fängt das politische Berlin an, sich Sorgen zu machen. Grund dafür ist die Tatsache, dass zur geplanten Aussetzung der Wehrpflicht auch der Zivildienst wegfallen soll. Im Bundesministerium für Familie erarbeitet man deshalb einen Gesetzentwurf zur Schaffung eines neuen, freiwilligen Dienstes und erweitert den Personenkreis, die den BFD ableisten dürfen. Anders als beim zu diesem Zeitpunkt lange bestehenden Freiwilligen Sozialen Jahr sollen den BFD auch Menschen, die das 27. Lebensjahr bereits überschritten haben, ableisten können.
Ein Umstand, der für die damals arbeitslose 58-Jährige wie gerufen kommt. Noch vor Aussetzung der Wehrpflicht tritt am 2. Mai 2011 schließlich das Gesetz zum BFD in Kraft. Anfangs hält sich die Zahl der Interessenten noch in Grenzen. Nach Werbekampagnen und zahlreichen Medienberichten steigt jedoch die Zahl freiwilliger Menschen stark an.
Im späten November 2011 stößt Hohmann bei ihrer Recherche auf Verbände und Träger im südbadischen Raum, die BFD-Stellen ausgeschrieben haben.
Nach ihrer Ausbildung zur Schuhfachverkäuferin war Hohmann jahrelang in der Elektroindustrie tätig, bevor sie auf Metalle allergisch regierte und ihre Arbeitsstelle gesundheitsbedingt aufgeben musste. "Ich habe irgendwann begonnen, mich selber auf die Suche nach einer Beschäftigung zu machen, nach dem das Arbeitsamt nichts für mich fand", erzählt Hohmann.
Beim Freiburger REHA-Verein, dessen Ziel es ist, durch verschiedene Projekte und Anlaufstellen, die soziale und berufliche Ausgliederung psychisch kranker Menschen zu verhindern, wird sie schließlich fündig. Ein Anruf und ein Gespräch in der sozialen Einrichtung genügten. Hohmann war nicht mehr arbeitslos und fand im Bad Krozinger Tageszentrum genau das, was sie in der arbeitslosen Zeit vermisste: Eine Tätigkeit, die Menschen hilft und vor allem Spaß macht.
Seit Dezember 2011 hilft Hohmann den Besuchern der Einrichtung, ihren Alltag zu strukturieren, kocht und backt oder unternimmt Ausflüge mit ihnen. Alles ohne Bezahlung. Lediglich ein Taschengeld steht ihr zu, was ihren Spaß an der Arbeit aber nicht nimmt: "Ich bin eine wahnsinnig gute Zuhörerin. Das ist die wichtigste Eigenschaft, den Menschen in unserer Einrichtung zu helfen."
Für die Zeit nach dem BFD hat sich die engagierte Frau bereits Gedanken gemacht: "Ich mache die Arbeit hier so gerne, dass ich mich für eine feste Stelle im Tageszentrum beworben habe", sagt sie. Zeit, um weiterhin das Richtige zu tun.
Autor: Valentin Gensch
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